MUSIK HÖREND VERSTEHEN

Musik wird geboren im Herzen des Menschen – Frühling und Herbst des Lü Buwe

Mai
01

Alle Musik wird geboren im Herzen des Menschen. Was das Herz bewegt, das strömt in Tönen aus; und was als Ton draußen erklingt, das beeinflußt wieder das Herz drinnen. Darum, wenn man die Töne eines Landes hört, so kennt man seine Bräuche. Prüft man seine Bräuche, so kennt man seine Gesinnung. Schaut man seine Gesinnung, so kennt man seine Art. Blüte und Untergang, Würdigkeit und Unwürdigkeit, edle und gemeine Gesinnung, alles drückt sich in der Musik aus und läßt sich nicht verbergen. Darum heißt es: Tief ist der Einblick, den die Musik gewährt.

Frühling und Herbst des Lü Buwe (Lüshi chunqiu, 3. Jh. v. Chr.); Übers.: Richard Wilhelm, 1928

Musik und Nacht – Friedrich Nietzsche

Mai
01

Das Ohr, das Organ der Furcht, hat sich nur in der Nacht und in der Halbnacht dunkler Wälder und Höhlen so reich entwickeln können, wie es sich entwickelt hat, gemäß der Lebensweise des furchtsamen, das heißt des allerlängsten menschlichen Zeitalters, welches es gegeben hat: im Hellen ist das Ohr weniger nötig. Daher der Charakter der Musik, als einer Kunst der Nacht und Halbnacht.

Friedrich Nietzsche: Morgenröte (Aphorismus Nr. 250)

Das Schweigen – Max Picard

Mai
01
Das Schweigen ragt wie etwas Urzeithaftes in den Lärm der Welt von heute hinein. Nicht wie ein totes, sondern wie ein lebendes Urtier lagert es da. Noch sieht man den breiten Rücken des Schweigens, aber immer tiefer versinkt das ganze Urtier im allgemeinen Gestrüpp des Lärmes von heute. Es ist, als versinke das Urtier allmählich in der Tiefe seines eigenen Schweigens. Trotzdem erscheint manchmal aller Lärm von heute nur wie Insektengesumm auf dem breiten Rücken des Urtiers, des Schweigens.
[…]
Der Ton der Musik ist nicht wie der Ton des Wortes dem Schweigen entgegengesetzt, er ist dem Schweigen parallel. Es ist, als führen die Töne hin über das Schweigen, als würden sie geschoben vom Schweigen auf seiner Fläche. Musik ist Schweigen, das, träumend, anfängt zu tönen. Nie ist das Schweigen mehr hörbar, als wenn der letzte Ton der Musik vergangen ist. Die Musik ist weithinschweifend, und sie könnte auf fortbewegt, und so vermag es zu scheinen als sei sie überallund doch zugleich an einem begrenzten Ort, und eben dies: daß auf die sanfteste Weise durch die Musik die Weite und die Nähe des Raumes, das Grenzenlose und das Begrenzte beieinander sind, eben dies ist der Seele eine Wohltat: sie kann weithin schweifen in der Musik und wird doch überall behütet und sicher wieder heimgebracht. Das ist auch der Grund, weshalb die Musik beruhigend wirkt auf Nervöse : die Musik bringt der Seele eine Weite, in der sie, die Seele, ohne Angst sein kann.
Max Picard: Die Welt des Schweigens (1948)